Fiktion – Infinity N5 „Anwerbung“

Zu Teil 1 „Die Liebe eines Sāchā“

Ilya fühlte sich verloren. Er saß auf einer der vielen Boomboxen, die auf dem Gelände verstreut waren, aber die Musik war aus, die Lichter erloschen und die Morgendämmerung kroch am Himmel empor. Die meisten Raver waren geflohen und durch Sanitäter und Techniker ersetzt worden, die sich um die Verwundeten und Verletzten kümmerten. Einer der Techniker hatte die Mine entschärft, die die letzten paar Stunden bedrohlich nah bei Ilya gelegen hatte. Dafür war er dankbar, aber es bedeutete auch, dass Kleio jetzt weg war. Sie war in der Menge aus Soldaten und Profis untergetaucht, ohne sich auch nur zu verabschieden, und hatte Ilya allein zurückgelassen – unsicher, was er tun und wohin er gehen sollte.

Ein hochgewachsener Mann kam auf ihn zu. Er trug einen Kampfanzug, einen sauber getrimmten schwarzen Bart und langes Haar, das am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden war. Er zeigte keine Rangabzeichen, strahlte aber eine unmissverständliche Aura von Autorität aus.

„Alles in Ordnung, Junge?“ Er musterte Ilya von oben bis unten und schien zufrieden zu sein, dass der Sāchā nicht verletzt war.

„Ja, Sir, mir geht’s gut. Wer sind Sie? Was ist hier passiert?“ Ilya konnte seine Neugierde nicht zügeln.

„Ich bin der Kommandant dieser Task Force. Wir sind hier, um Ruby Monday aufzuspüren und sicherzustellen, dass alles, was sie gefunden hat, nicht in kriminelle Hände gerät und Shinju sowie der Human Sphere keinen Schaden zufügt.“ Er hielt inne und beobachtete einen Moment lang Ilyas Gesichtsausdruck, der skeptisch war, es aber nicht zeigen wollte.

„Du bist ein Sāchā, richtig?“, fuhr er fort. „Du kennst dich in den Ruinen aus?“

Ilya nickte.

„Ich hätte einen einen Job für dich. Wir brauchen jemanden von hier, wenn wir der Spur folgen wollen, die Ruby hinterlassen hat.“ Ilyas Geist empfing die Details eines Arbeitsangebots: Inoffiziell, aber gut bezahlt, gute Krankenversicherung, Cube-Versicherung.

„Ich weiß nicht …“ Ilya sah sich um und hielt Ausschau nach irgendeinem Zeichen von Kleio.

Der Mann lächelte. „Die Agentin, die du vorhin getroffen hast, ist ebenfalls dabei. Du wirst sie bald genug wiedersehen.“


Die Frau, die Ilya als Kleio kannte, eilte an den Rändern der Xeno-Ruinen entlang, die sich wie eine dunkle Masse gegen die untergehende Sonne erhoben. Es war immer noch untypisch heiß, selbst für einen Wüstentag auf Shinju, und am Horizont zogen Gewitterwolken auf. Die vom Kazureibu gesammelten Daten hatten mehrere Ziele für weitere Untersuchungen erbracht, und der Kommandeur – kein Geringerer als der legendäre Salah ad-Din – hatte sie mit einer kleinen Abteilung zu dieser verlassenen xeno-archäologischen Stätte geschickt. Die Druze-Söldner waren nicht weit hinter ihnen.

Ihre Aufgabe war dieselbe gewesen wie auf dem Rave: die Stellung des Gegners infiltrieren, die feindlichen Linien stören, unmittelbare Bedrohungen ausschalten. Aber was in einer dröhnenden Menge von Ravern einfach gewesen war, hatte sich hier draußen in der Wüste als unmöglich erwiesen. Die Söldner waren eine eingeschworene Truppe und kannten sich untereinander gut. Obwohl sie die Kampfrüstung eines Brawlers trug und die entsprechenden IDs hatte, war sie kontrolliert worden. Da sie wusste, dass ihre kurzfristige Tarnung einer genauen visuellen Überprüfung nicht standhalten würde, hatte sie keine andere Wahl gehabt, als die Infiltration abzubrechen. Kleios Laune war dementsprechend mies.

Sie überprüfte ihr taktisches Overlay. Der Rest des Teams war bereits in Position; ein Zeybek-Flieger schwebte dicht über dem Boden, um bei Bedarf Luftunterstützung zu leisten. Der Lieutenant, ein kühler Hafza-Profi, war bereits holo-getarnt, um nicht ins Visier verrückter Yuan-Yuan-Fallschirmjäger zu geraten, die auf der Suche nach einem leichten Abschuss der Führungsebene waren. Kleio beneidete niemanden aus dem Team, der auch nur ansatzweise so aussah, als hätte er das Sagen.

Sie würde zu spät zum Gefecht kommen, und das wurmte sie. Wo war dieser unerfahrene Sāchā, den sie auf dem Rave aufgelesen hatten? Er tauchte auf ihrer Kartenanzeige nicht auf. „Amal“, funkte sie den Ghulam an, der eine Doppelrolle als ihr Quartiermeister einnahm, und wechselte auf einen privaten Kanal. „Wo ist der Kleine?“

„Der Neue? Ilya?“, antwortete Amal prompt. Er saß wahrscheinlich in einer rückwärtigen Position in Deckung und betete wohl darum, nicht seine Hauptaufgabe erfüllen zu müssen – als Köder für jeden zu dienen, der versuchen wollte, die Führung des Teams zu enthaupten. „Er war schon mal hier und ist weiter in die Ruinen vorgegangen. Mach dir keine Sorgen, ich habe ihm etwas gegeben, womit er sich verteidigen kann. Wir hatten noch ein schweres Maschinengewehr herumliegen.“

„Du hast ihm WAS gegeben?!“ Kleio wusste nicht genau warum, aber ein kalter Knoten der Besorgnis bildete sich in ihrer Magengegend. Sie beschleunigte ihren Schritt, um zum Ort des bevorstehenden Kampfes zu gelangen.


Ilya spähte in die pechschwarze Dunkelheit vor sich. Die Waffe, die man ihm gegeben hatte – ein großes, hässliches automatisches Gewehr – lag schwer auf seiner Schulter. Die Sonne stand tief und versank hinter den zyklopischen Mauern der außerirdischen Ruinen, die das restliche Licht zu verschlucken schienen und das Innere dunkler machten, als es eigentlich sein sollte. Überreste von Ausrüstung der ursprünglichen archäologischen Ausgrabung lagen verstreut herum – verlassen, vergessen oder vielleicht auf eine Zeit wartend, in der andere, vielversprechendere Stätten leergeräumt waren.

Plötzlich fiel ihm ein Licht ins Auge, ein kleines, blinkendes Licht im Schatten eines halb eingestürzten Gebäudes. Ilya konnte es deutlich sehen, und seine Neugier war sofort geweckt. Er hörte dem taktischen Geplapper auf dem sicheren Funkkanal nur halb zu. Der Scharfschütze des Teams, ein Söldner namens Knauf, warnte ruhig vor einem feindlichen Schützen zu ihrer Rechten, und Schüsse peitschten über Ilyas Kopf hinweg. „Feind immer noch in Position, rechnet mit Feuer von 2 Uhr.“ Die Worte hatten den Beiklang professioneller Frustration.

Rechts von Ilya war eine große Lücke in der Wand, die den Blick auf die dahinter liegende Wüste freigab. War das 2 Uhr? Er huschte schnell über die Öffnung und sah aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf einem der Dächer. Puh, keine Schüsse gefallen. Vorerst in Sicherheit.

Das blinkende Licht gehörte zu einer unerklärlicherweise aktiven Konsole, die eigentlich schon vor Wochen, wenn nicht Monaten, hätte außer Betrieb genommen werden müssen. Als Ilya näher kam, erschien ein bekanntes Gesicht auf dem staubbedeckten Bildschirm. Ruby Monday zeigt ihm ihr rätselhaftes Lächeln, und eine vorab aufgezeichnete Nachricht begann abzuspielen.

Ilya grinste. Das war es, worin er gut war: Rätsel lösen und verborgene Schätze finden. Als er sich mit der Konsole verband – stets auf der Hut vor Fallen oder versteckten Überraschungen –, bemerkte er schnell einen verschlüsselten und verschleierten Datenstrom innerhalb von Rubys Nachricht.

Während er daran herumbastelte, faltete sich die quantronische Rätselbox in eine 3D-Darstellung der Xeno-Stätte auf, mit einer Markierung, die auf die südwestliche Ecke zeigte.

„Ich habe was!“, rief Ilya aufgeregt und speiste das Layout in den Datenfeed des Teams ein. Für einen Moment glaubte er, das leise Kichern von Ruby Monday im Feed zu hören. Oder hinter ihm? Er drehte sich um, aber die Schatten waren leer.

Was nun? Er sah sich um, aber außer der immer noch blinkenden Konsole schien nichts von Interesse zu sein. Im Funkkanal gab es Befehle, einen sicheren Platz zu finden und vollständig in Deckung zu gehen, aber Ilya war jetzt aufgeregt, das Adrenalin pumpte durch seinen Körper. Er erwies sich als echte Bereicherung für dieses Team! Sie hatten ihm eine mächtige Waffe gegeben, also sollte er sie wahrscheinlich auch benutzen. Tollpatschig nahm Ilya die tödliche Waffe von seiner Schulter und hob sie in seine Hände. Die Munitionsanzeige war voll.

Er erinnerte sich an den Durchbruch in der Wand und die Bewegung auf dem Dach, schlich vorsichtig an der Wand entlang und näherte sich der Öffnung.

„Vorsichtig, Kleiner“, ertönte die ruhige Stimme von Knauf über den Funkkanal. „Der Scharfschütze scannt diese Linie immer noch.“

„Ich krieg den schon“, antwortete Ilya und legte so viel Bravour in seine Stimme, wie er nur aufbringen konnte. Er schwang die Waffe in die Öffnung, drückte den Abzug durch und deckte das Dach auf der anderen Seite mit Kugeln ein, bis das Magazin mit einem metallischen Klicken leerlief.

„Du hast ihn erwischt, Kleiner. Visuelle Bestätigung, Ziel ausgeschaltet.“ War das Bewunderung in der Stimme? Oder nur Unglaube? „Mach das nicht noch mal, du hast Glück gehabt.“

„Auf deiner Neun! TAG im Anmarsch!“ Eine andere Stimme schnitt dazwischen. War das Kleio?

Ilya sah, wie sich direkt hinter der äußeren Ruinenmauer etwas bewegte – etwas Riesiges, aber Schlankes, humanoid in der Form, aber viel größer.

„Verschwinde da!“

Ilya nestelte hektisch an dem schweren Maschinengewehr herum, sein Kopf war völlig leer gefegt, während er versuchte, sich daran zu erinnern, wie man es nachlud. Er ließ es fallen und griff nach seiner Selbstverteidigungswaffe, einem einfachen Flash-Pulse-Stunner, aber plötzlich explodierte die Welt um ihn herum.

Ein Hagel von Kugeln aus der Hauptwaffe des TAGs riss durch die Luft und zertrümmerte das Xeno-Material der Ruinen. Splitter flogen wie Hagelkörner durch die Luft. Ilya kroch verzweifelt zurück in die Dunkelheit des Inneren, aber dann traf ihn etwas mit voller Wucht und schleuderte ihn zu Boden. Er schmeckte Blut. Die Dunkelheit der Ruine wurde noch dunkler, die Lichter verblassten im Nichts und Ilya glitt in die sanfte Umarmung der Ohnmacht.

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