Ilya wachte auf einem Feldbett auf und wusste nicht, wo er war. Ein Moment der Panik stieg in ihm auf, als er sich an den herannahenden, riesigen TAG und den Schmerz in seiner Schulter erinnerte, kurz bevor die Lichter ausgegangen waren. Er konnte seinen rechten Arm nicht bewegen, tastete mit dem anderen hinüber und spürte das feine Geflecht eines Medisilk-Verbandes.
„Vorsichtig, dein Gewebe regeneriert sich noch.“
Ilya drehte den Kopf in Richtung der Stimme und sah Kleio auf einem Klappstuhl sitzen, die Kampfstiefel auf einer medizinischen Versorgungskiste hochgelegt. Hinter ihr spannte sich eine Planenwand auf, die auf eine niedrige Decke aus demselben Material traf. Er versuchte, ihr Gesicht zu fokussieren, aber seine Augen machten nicht mit – wahrscheinlich wegen des Cocktails aus Heilungsdrogen, der in seinem Körper arbeitete.
„Wo bin ich? Was ist passiert?“
„Du bist auf der Krankenstation unseres temporären Feld-HQs. Und du warst so dämlich, es mit Joe ‚Scarface‘ Turner aufzunehmen, einem Söldner-TAG-Piloten im Dienst der Druzen. Du hast verdammt großes Glück, dass du noch lebst.“ In ihrer Stimme lag keine Verachtung – zumindest glaubte Ilya das nicht –, sondern nur Erleichterung.
Ilya hielt inne, als die Erinnerungen an das Gefecht zurückströmten. „Ist er tot? … Nicht den TAG, meine ich … den Scharfschützen auf dem Dach. Ich habe ihn erwischt.“
„Der hätte eigentlich mein Job sein sollen. Ich werde dafür sorgen, dass Amal nie wieder einfach so HMGs verteilt.“ Ilya konnte nun ein schiefes Lächeln auf Kleios Gesicht erkennen. „Nein.“ Sie machte eine Pause. „Mach dir keine Sorgen, er lebt, genau wie du. Er wird wohl eine Weile ins Gefängnis wandern. Aber wer weiß? Vielleicht kann ihn jemand gebrauchen, und dann ist er im Handumdrehen wieder draußen für die nächste Schlacht.“

Beide schwiegen eine Weile. Ilya spürte ein kühles, angenehmes Taubheitsgefühl in seiner rechten Schulter und seinem Arm, aber am Rest seines Körpers machten sich verschiedene Juckreize und kleine Schmerzen bemerkbar. Kleio schien irgendetwas auf ihrem Head-up-Display zu studieren.
„Ich glaube, ich bin kein guter Soldat. Ich habe mitten im Gefecht vergessen nachzuladen“, sagte Ilya kleinlaut.
Kleio blickte auf. „Du bist überhaupt kein Soldat. Ein Soldat wäre nicht ohne Befehl nach vorne gestürmt, so wie du es getan hast. Versuche gar nicht erst, einer zu sein. Das bringt dich nur um.“
Ilya dachte darüber nach. „Wie geht es weiter? Haben wir bekommen, weswegen wir hier sind?“
„Ich denke schon. Wir sind den Druzen zuvorgekommen und haben ihnen ordentlich den Hintern versohlt. Ich schätze, sie haben genug und werden uns hoffentlich in Ruhe lassen. Zumindest, wenn sie wissen, was gut für sie ist.“ Ilya hatte das Gefühl, dass sie nicht wirklich glaubte, was sie da sagte.
„Aber es ist noch nicht vorbei“, fuhr Kleio fort. „Es geht das Gerücht um, dass Rubys Versteck von einer Megabestie bewacht wird, und wir brauchen etwas, um die zu beruhigen. Saladin sucht danach, und du wirst ihn begleiten.“
„Und du?“
„Nein.“ Kleio schüttelte den Kopf. „Dort gibt es keine Menschen, nur ein automatisiertes Labor. Nicht mein Fachgebiet. Ich werde an den Druzen dranbleiben, um zu sehen, wer sie angeheuert hat. Und um sicherzustellen, dass sie den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden haben und die Finger davon lassen.“
Ilya versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen. „Pass … pass auf dich auf, ja?“
Kleio lachte. „Das sagt ausgerechnet der Typ, der zum ersten Mal ein HMG in der Hand hält und sofort Jagd auf einen TAG macht.“ Sie legte den Kopf schief und blickte den jungen Sascha nachdenklich an. „Ich passe immer auf. Das solltest du lieber auch tun.“
Ilya blickte durch das staubige Plastiglasfenster hinüber zum Sicherheitsbüro der Anlage. Draußen sah er den Hacker des Teams – einen Mukhtar, der auf seinem taktischen Display nur als „Hacker 1“ angezeigt wurde –, wie er sich vorsichtig darauf zubewegte. Ein Datenaura umgab sein Hacking-Gerät, während er ununterbrochen das immer noch aktive Netzwerk der Anlage scannte und manipulierte. Er war Teil der Kampfgruppe dieses Hackers, während Saladin den Vorstoß auf das Forschungslabor weiter östlich anführte.
„Laboreingang geöffnet. Asawira rückt durch Eclipse-Feld in Richtung Datenspeicher vor.“ Die Stimme des Kommandanten war klar und kühl.
„Warten Sie!“ Die Antwort des Mukhtars kam angespannt. „Der Zugang zur Anlage wurde noch nicht freigeschaltet. Sie werden das automatisierte Verteidigungssystem aktivieren.“
„Euch läuft die Zeit davon.“ Eine dritte Stimme über den Funkkanal, untermalt vom Brüllen eines Motorrads. Das war die Kum-Bikerin Zuleyka. „Wir haben Gesellschaft, Boss, ich sehe wieder Druzen. Sie haben noch nicht aufgegeben.“
Ilyas Herz raste. Die Druzen waren zurück? Kleio hatte gesagt, sie würde ihnen nachgehen, aber sie hatten nichts von ihr gehört. Was war passiert? War sie okay?
„Asawira, weiter vorrücken. Nicht auf den Sicherheitszugang warten.“ Saladin ließ sich keine Überraschung oder übermäßige Eile anmerken, nur professionelle Ruhe. „Hacker 1, konzentrieren Sie sich darauf, alle Spuren unserer Präsenz zu tilgen. Lassen Sie sie glauben, dass die Druzen die Daten gestohlen haben.“
Saladin kniete neben dem Ornithopter, sein E-Mitter-Gewehr feuerbereit, um das Contender-Feuer zu erwidern, das den Asawira genau in dem Moment getroffen hatte, als dieser den Flieger besteigen wollte. Eine schlanke, unmöglich schnelle Gestalt war auf dem Dach in ihrer Flanke aufgetaucht und hatte den bereits verwundeten Asawira erschossen. Der schwer gepanzerte Mann lag sterbend im Sand, seine Vitalfunktionen schwanden rapide. Schlimmer noch: Er hatte das Datenpaket fallen lassen, und es war in eine der unzähligen Spalten gestürzt, die den Boden durchzogen. Es unter feindlichem Feuer zu bergen, war nun unmöglich – zumindest, ohne viele weitere Leben zu riskieren.
Wie hatte sich eine praktisch risikofreie Operation, bei der eigentlich schon alles gesichert war, in eine solche Beinahe-Katastrophe verwandeln können? Mangelnde Aufklärung. Sie hatten dieses Mal keine Vorwarnung vor der Präsenz der Druzen gehabt. Sie waren … er war nach mehreren siegreichen Scharmützeln nachlässig geworden und hatten dem Feind nicht den Respekt entgegengebracht, den er verdiente. Das würde nicht noch einmal passieren.
Widerstrebend gab Saladin beiden Kampfgruppen das Signal, das Gefecht abzubrechen, die Verwundeten zu sichern und sich zurückzuziehen. Nicht, dass von Kampfgruppe 2 noch viel übrig war, um diesen Befehlen Folge zu leisten, aber mit einem kleinen Funken Erleichterung sah Saladin, dass der junge Sacha unter denen war, die noch antworteten. Der Junge schien ein Händchen fürs Überleben zu haben.

Als Saladin sich in den Ornithopter schwang und der Flieger abhob, sah er die kleine Gestalt wieder, die von dem Hochsitz herunterkletterte, von dem aus sie den Asawira erschossen hatte. Sie blickte nach oben und winkte kurz. Salah ad-Din Yusuf ibn Ayyub, O-12-Verbindungsoffizier zum Haqqislam-Oberkommando, salutierte zurück.






