Der Ringkrieg

Anmerkung: Diese Rezension wurde ursprünglich im April 2006 auf dem Dnd-Gate veröffentlicht und bezog sich auf die 1. Edition des Spiels (damals bei Phalanx Deutschland erschienen). Da sich die Regeln nur unwesentlich verändert haben, und der größte Teil der Rezension immer noch genauso stimmt wie damals, habe ich sie auf die zweite Edition angepasst und erweitert.

Der Ringkrieg

Übersicht

„Der Ringkrieg“ ist ein moderat komplexes Strategiespiel für zwei Personen oder Parteien, in dem man die sicherlich den allermeisten bekannte Geschichte aus dem Herrn der Ringe verfolgt: Vom Aufbruch der Ringgemeinschaft aus Bruchtal bis zur Vernichtung des Ringes in den Schicksalsklüften – oder hier eben bis zum endgültigen Sieg des Dunklen Herrschers Sauron über die Freien Völker.

Spielmaterial

Die großformatige, verdammt schwere Schachtel verspricht schon Einiges, wenn man sie in den Händen hält, und nach dem Öffnen wird man nicht enttäuscht. Der sehr große Spielplan ist von John Howe wunderschön gestaltet, und wurde für die 2 Edition überarbeitet. Nun in freundlicheren Grüntönen gehalten, sind wichtige Punkte auf der Karte durch ansprechende und deutliche Grafiken hervorgehoben. Überhaupt sind alle Illustrationen und Grafiken von John Howe, dem neben Alan Lee sicherlich bekanntesten Tolkien-Künstler, und verleihen dem ganzen Spiel ein ausgesprochen stilvolles Grafikdesign. Waren in der 1. Edition noch manche Spielmarken etwas schwer auseinander zu halten, hat die Überarbeitung dem Spiel in Punkto Übersichtlichkeit sehr gut getan.

Unbemalte Figuren Gondors

Die über 200 Spielfiguren sind aus Plastik und stellen einzelne Charaktere (z.B. Gandalf, den Hexenkönig, Frodo & Sam), Anführer der verschiedenen Armeen (Nazgul, generische Elbenanführer) und die eigentlichen Truppen (Orks, Wolfsreiter, Mumakil, Gondorianer, Rohirrim, usw.) dar. Sie sind zum allergrößten Teil wunderschön modelliert, kommen aber leider nur in vier unterschiedlichen Farben: Silber für die Charaktere, grau für alle Anführer, blau für alle „guten“ Truppen und rot für „bösen“ Einheiten. Meistens ist das kein Problem, aber ein paar Einheiten kann man schon einmal verwechseln. Insgesamt laden die detailliert gestalteten Figuren zum Bemalen ein, je nach Geschmack in großer Detailfülle oder in einfachen Farbschemata zur besseren Unterscheidung.

Armee der Elben

Die allermeisten Figuren sind zur 1. Edition unverändert. Nur die Ringgeister haben eine Überarbeitung bekommen, um sie standhafter zu machen (die Nazgul der 1. Edition waren etwas top-lastig und tendierten um Umfallen). Außerdem ist die Gollum-Figur enthalten, die es zur 1. Edition als Beilage in der Zeitschrift „Spielbox“ gab.

Das Spiel enthält außerdem mehr als hundert großformatige Spielkarten aus festem und strapazierfähigem Karton. Sie sind wahrscheinlich die wichtigste und beste Änderung von der 1. auf die 2. Edition, denn sie sind nun außerordentlich lesbar! Außerdem wurden sie sehr sorgfältig überarbeitet, damit sich nicht wie in der 1. Edition Fehler in der Übersetzung einschleichen.

Die Würfel der verschiedenen Editionen

Dann gibt es noch einige Spielmarken aus Pappe (alle im schönen John Howe Design) und drei Satz Würfel. Der eine besteht aus „normalen“ Sechsseitern, aber die anderen beiden sind speziell für dieses Spiel gestaltete Würfen, ebenfalls in ansprechendem Design. Zu ihrer Funktion später mehr. Die Würfel sind der einzige Bestandteil, der vielleicht minimal gegenüber der 1. Edition abfällt. Die besonderen Aktionswürfel ein bisschen weniger griffig als die alten, aber die normalen Sechsseiter sind winzig und von eher minderer Qualität. Natürlich sind die leicht mit einem beliebigen anderen Satz Würfel zu ersetzen.

Zum Schluss noch ein paar Worte zur Regel. Die 1. Edition von Phalanx Games hatte einen verdient schlechten Ruf, da sie zahlreiche Übersetzungsfehler enthielt. Der Heidelberger Spieleverlag hat daher eine komplett neue Übersetzung in Auftrag gegeben, die hervorragend gelungen ist und sorgfältig lektoriert wurde.  Anmerkung: Der Autor dieser Rezension hat als Korrekturleser an der Neuübersetzung mitgewirkt.

Das Spielprinzip

Ich werde hier nicht auf die Regeln im Einzelnen eingehen, denn das würde zu weit führen. Stattdessen will ich einen Eindruck vom groben Ablauf und den Ideen des Spiels geben.

„Der Ringkrieg“ ist im Grunde ein Spiel für zwei Personen. Der eine übernimmt die „Freien Völker“, der andere den „Schatten“. Es gibt aber auch Regeln für drei oder vier Spieler, bei denen jeweils zwei Spieler eine Partei bilden und gemeinsam gegen die andere Partei bzw. den anderen Spieler wetteifern. Sie gewinnen oder verlieren zusammen. Das funktioniert durchaus gut, geht aber ein wenig auf Kosten der Intensität des 2-Personenspiels.

Das Spiel trennt sich in zwei unterschiedliche, aber interessant verwobene Bereiche. Im militärischen Teil bewegen die beiden Spieler Armeen auf dem Brett und versuchen strategisch wichtige Punkte zu erobern bzw. zu verteidigen, die eine Anzahl Siegpunkte wert sind. Gleichzeitig versucht der „Spieler der Freien Völker“ die Gemeinschaft des Ringes nach Mordor zu bringen, während der „Spieler des Schatten“ versucht, deren Vorankommen zu verlangsamen und sich so Zeit für einen militärischen Sieg zu verschaffen, oder sogar den Ringträger so weit zu korrumpieren, dass dieser der Macht des Ringes erliegt. Der Mechanismus wie die Gemeinschaft geheim bewegt wird, und doch mit dem Spielplan interagiert ist brillant und genial einfach. Über die Spielkarten werden Ereignisse, Personen und Handlungen aus den Büchern simuliert und bringen sehr viel Atmosphäre im Spiel.

Für alle diese Dinge benötigen die beiden Spieler bestimmte Aktionen, die sie zu Beginn einer Spielrunde mit den Spezialwürfeln „erwürfeln“. Beide beginnen mit einer bestimmten Anzahl dieser Würfel (und können sie im Verlauf des Spiels durch das Erscheinen verschiedener Personen erhöhen), aber immer hat der Schattenspieler ein paar dieser Würfel mehr zur Verfügung, was sehr gut die bedrohliche Überlegenheit des Bösen aus den Büchern simuliert.

Die wahrscheinlich genialste Idee des Spiels ist, das jede Seite zwei verschiedene Siegbedingungen besitzt, die unabhängig voneinander erreicht werden können. Die Freien Völker gewinnen durch die Zerstörung des Ringes, wenn die Ringträger die Schicksalsklüfte erreichen, der Schatten, wenn Frodo vorher der Macht des Ringes erliegt. Andererseits siegt die böse Seite auch, wenn sie zehn Siegpunkte auf dem Spielplan erobert (was etwa fünf Festungen wie Minas Tirith, Helms Klamm oder Bruchtal entspricht). Aber auch die Freien Völker können militärisch siegen, indem sie zwei Festungen des Schatten erobern (z.B. Orthanc und Minas Morgul). Das ist zwar sehr schwer, weil der Schatten militärisch sehr überlegen ist, aber immer eine Option.

Durch diese zwei verschiedenen Möglichkeiten geschieht es häufig (meistens sogar), dass beide Parteien am Ende des Spiels knapp vor dem Sieg stehen. Frodo und Sam kämpfen sich durch Mordor in Richtung Schicksalsberg, während die Truppen Saurons Minas Tirith belagern, die letzte Festung, die ihm zum Sieg fehlen. Die Endphase des Spiels wird dadurch ungeheuer spannend.

Spielatmosphäre und Balance

Die großartige Leistung des Spiels besteht darin, dass es ungeheuer gut die Atmosphäre der Buchvorlage trifft. Die Guten mühen sich in fürchterlicher Unterzahl und mit geringen Ressourcen ab, solange gegen das übermächtige Böse zu bestehen, bis eine kleine Gruppe standhafter Hobbits auf geheimen Pfaden das Herz des bösen Reiches erreichen kann. Auf der Schattenseite stehen ungeheure Scharen williger Kreaturen wie Orks und Wolfsreiter, während bei den Freien Völker einzelne Helden und Heldentaten eine größere Rolle spielen. Für mich ist „Der Ringkrieg“ das Brettspiel, dass die Stimmung des Herr der Ringe mit Abstand am Besten wiedergibt.

Bei zwei so sehr unterschiedlichen Ausgangslagen ist es natürlich schwierig, eine perfekte Spielbalance zu erreichen. Tatsächlich stellte sich in de 1 Edition nach einiger Zeit heraus, dass der Schatten eine gewissen Überlegenheit besaß. Bei der 2. Edition wurden ein paar kleinere Regeländerungen eingeführt, die diesem Ungleichgewicht entgegen wirken, und bisher sieht es tatsächlich so aus, als wäre die Spielbalance der beiden Seiten fast perfekt gelungen.

Aber selbst eine kleine Überlegenheit des Schatten tut dem Spielspaß keinen Abbruch, denn trotzdem bleiben die Partien spannend, und ein Sieg der Freien Völker ist umso zufriedenstellender. Mit dem Austüfteln all der Feinheiten und dem Ausprobieren verschiedener Strategien ist man sowieso viele Partien lang beschäftigt.

Spieldauer

Der Ringkrieg ist kein kurzes Spiel (und das würde wohl auch niemand erwarten). Die ersten zwei bis drei Partien können leicht über drei, vier oder mehr Stunden dauern, während man noch mit dem Erlernen der Regeln beschäftigt ist. Wenn beide Spieler wissen was sie tun, ist man aber kaum länger als zwei bis zweieinhalb Stunden beschäftigt. Erfahrene Spieler können eine schnelle Partie auch in 90 Minuten durchspielen.

Fazit

Der Ringkrieg ist ein tolles, ein großartiges Spiel. Die Wermutstropfen, die die erste Edition des Spiels noch enthielt (Übersetzungsfehler, winzige Kartentexte, fehlende Spielbalance) sind mit der 2. Edition allesamt behoben. Für mich ist „Der Ringkrieg“ ein außerordentlich stimmungsvolles, detailgetreues und trotzdem spielbares und spannendes Spiel. Man kann Strategien ausprobieren, wird aber nicht von der Fülle an Möglichkeiten erschlagen und muss immer auf Zufälle und die Handlungen des anderen Spielers reagieren. Es bleibt über die gesamte Spieldauer kurzweilig und spannend, und erreicht meistens am Ende den perfekten Höhepunkt.

Man sollte natürlich längere und etwas komplexere Spiele mögen und vor allen Dingen einen geeigneten Spielpartner haben, denn das Spiel entfaltet seine vollen Möglichkeiten erst nach ein paar Partien.

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4 Comments

  1. Robbi

     /  4. September 2014

    Hallo Utheroc,

    ist es irgendwie möglich durch technische Tricks, dass man den Ringkrieg Online-Clienten zu zweit an einem Rechner zocken kann? Ich und meine Freundin machen für 1 1/2 Jahre nach Australien und das Spiel wird uns sehr fehlen und wir haben nur einen Laptop mit.

    Antworten
  2. Hmm… wenn man eine Kopie des Verzeichnis mit dem Client anlegt, und ihn dann aus jedem Ordner einmal startet, geht das schon.

    Man kann die beiden Clients dann über die eigene IP-Adresse miteinander verbinden (einer hostet, der and verbindet indem er die lokale IP des Rechners verwendet) und normal spielen.

    Das Problem sind natürlich die Karten, da muss der andere Spieler immer wegschauen, wenn man seinen Zug sieht. Was ihr machen könntet, wäre nur die Karten eures Spiels mitzunehmen und dann die zu verwenden anstatt der virtuellen Karten im Client.

    Antworten
  3. Robbi

     /  5. September 2014

    Danke für die schnelle Antwort! Ich habe ja ganz kompliziert gedacht. Das Spiel geht natürlich auch nur mit einem Fenster/Clienten. Aber mit zwei Fenster geht es auch, wie du es beschrieben hast. Ich dachte es wäre halt alles automatisch, aber ist es ja gar nicht. Da muss ich ja dch wieder bei meiner Freundin aufppassen, dass sie nicht schummelt. 😀
    Karten müsste man ja sowieso mitnehmen, da es ja für die Schergen und Gefährten keine Beschreibung gibt, oder?

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  4. Genau. Wenn ihr die Karten sowieso dabei habt, könnt ihr den Client ganz einfach als „virtuelles Spielbrett“ verwenden.

    Antworten

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